Alfred Petzelt 2019-08-06T00:18:12+01:00

Alfred Petzelt

Nachlass
Petzelt-Schule

Biographie

Geboren wurde Alfred Petzelt am 17. Januar 1886 in Hügelhausen (heute: Rzadkowo)  im Kreis Kolmar, einem kleinen Ort der damaligen Provinz Posen. Er war verheiratet mit Margarethe Petzelt, mit der er drei Söhne hatte. Der mittlere Sohn war seit 1945 „vermisst im Osten“, wie Petzelt angibt.

1904 legte er sein Abiturientenexamen am humanistischen Gymnasium zu Schneidemühl, in der Nähe seines Geburtsortes, ab, ehe er das Lehrer-Seminar in Posen besuchte. Ein akademisches Studium war Petzelt angesichts seiner wirtschaftlichen Situation bzw. derjenigen seiner Familie nicht möglich gewesen. Nach der Lehrerprüfung erfolgte eine Berufung an die Seminarpräparandenanstalt in Fraustadt, wo er zwei Jahre als Präparandenlehrer (untere Stufe des Volksschullehramts) tätig war. Danach folgte eine Berufung an die Blinden-Anstalt Breslau, wo er beabsichtigte, nebenbei an der dortigen Universität zu studieren. Doch auch dies blieb ihm wegen einer längeren Erkrankung und des Einsetzens des Ersten Weltkriegs verwehrt. Während des Krieges leitete Petzelt die Spezialausbildung der Kriegsblinden. 1919 konnte er dann endlich – unter Aufrechterhaltung seiner Lehrtätigkeit an der Blinden-Anstalt – sein Studium an der Breslauer Universität aufnehmen. Im Alter von 37 Jahren erfolgte 1923 die Promotion zum Dr. phil. bei dem Neukantianer Richard Hönigswald mit einer Arbeit „Zur Frage der Konzentration bei Blinden“. Ebenfalls dem Thema der Blindheit gewidmet war die Schrift, mit der sich Petzelt schließlich 1930 an der Universität Breslau habilitierte.

Gutachter war wieder Richard Hönigswald. Im selben Jahr erfolgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie und theoretische Pädagogik an die neugegründete Pädagogische Akademie zu Beuthen (Oberschlesien). Es blieben ihm jedoch nur wenige Jahre ungestörter akademischer Lehr- und Forschungstätigkeit.

1934 wird Alfred Petzelt wegen „nichtnationalsozialistischer Wissenschaftsauffassung“ gemaßregelt und in den Volksschuldienst versetzt. Fünf Jahre später verliert er zudem die Privatdozentur und die damit verbundene venia legendi für Psychologie in Breslau. Wissenschaftliche Publikationen waren ihm während des Nationalsozialismus verboten. So fielen die vor dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Schriften – „Der Begriff der Anschauung“ (1933) und „Lehrgut und Lernprozeß in der Schule des Volkes“ (1933) – weithin dem Vergessen anheim.

Vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches musste Petzelt 1945 zu Fuß aus Breslau fliehen. Nach einem Jahr „schwersten Flüchtlingsdaseins“ in Schlesien und im Sudentenland, dann wieder in Schlesien, wurde er Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Leipzig. Fürsprecher bei der Berufung hatte er in Theodor Litt und im damaligen Dekan der Philosophischen Fakultät, Hans-Georg Gadamer, der wie Petzelt bei Richard Hönigswald studiert hatte.

Doch auch in Leipzig war Petzelt nur sehr wenig Zeit zum produktiven Arbeiten vergönnt, diesmal wegen „nicht-marxistischer Weltanschauung“. Das konzessionslose Festhalten an der auf Wahrheit gerichteten Argumentation und an seinem katholischen Glauben ließen ihn schnell den Druck der politischen Zensur von Forschung und Lehre spüren. Im Juni 1948, nachdem Petzelt in Aufsätzen und bei Vorträgen für Konfessionsschulen eingetreten war, kürzte man ihm drastisch sein Gehalt (auf etwa ein Drittel), strich die Lebensmittelzulage und schränkte seine Lehrbefugnis ein. 1949 kam es dann sogar zum Entzug der venia, so dass sich Petzelt ein zweites Mal zur Flucht gezwungen sah. Am 10. Oktober verließen seine Frau und er mit nur zwei Koffern Leipzig und damit die drei Tage zuvor neuentstandene DDR.

Nach seiner Flucht folgte Petzelts erste und letzte Zeit einer ungestörten, unbeeinträchtigten akademischen Wirksamkeit. Von 1949 bis zur Emeritierung 1955 arbeitete er an der Universität Münster, zunächst als Gastprofessor mit Lehrauftrag, ab 1952 als Ordinarius für Psychologie, Pädagogik und Philosophie. In diesem Zeitraum entstand nicht nur ein beachtliches Œuvre, bestehend aus mehreren Monographien und zahlreichen Aufsätzen; Petzelt konnte in Münster auch einen Kreis von selber forschenden und später akademisch tätigen Schülern aufbauen. Die größte Ehre wurde ihm 1953 zuteil, als Petzelt als Vertreter der Bundesrepublik auf dem internationalen Kongress im belgischen Gent einen „Bericht über Deutschland“ vorlegte.

Von 1955 bis 1959 war Petzelt Direktor des Deutschen Instituts für wissenschaftliche Pädagogik. Im gleichen Zeitraum hatte er die Schriftleitung der „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik“ inne und war Vorsitzender der Sektion Pädagogik der Görres-Gesellschaft. Ausgezeichnet wurde Alfred Petzelt 1961 sowohl mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse als auch mit dem Ritterkreuz des päpstlichen Silvesterordens; letzteres führte u.a. das Privileg mit sich, die Treppen zum Petersdom hinaufzureiten, was Alfred Petzelt aber niemals in Anspruch nahm. Er starb am 29. Mai 1967 in Münster.

Nachlass und wissenschaftliches Archiv

Interessierte, die genauere Informationen zum Bestand des Petzelt-Archivs suchen, finden hier und auf der Website www.bildungsforschung.de einen Zugang zum Datenbestand.

Der Nachlass Alfred Petzelts und das wissenschaftliche Archiv befinden sich seit 2018 am Sitz der Alfred-Petzelt-Stiftung in Karlsruhe und sind dort für jeden zugänglich, der sich mit Petzelt und seinem Werk beschäftigen will. Übergegangen ist der Nachlass vom Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik, Abteilung Allgemeine Pädagogik der Universität Karlsruhe bzw. des Karlsruher Instituts für Technologie, wo er seit 2002 untergebracht war.

Den Nachlass besaß seit 1972 die Petzelt-Schülerin und Stifterin der Alfred-Petzelt-Stiftung, Renate Winkelmann-Jahn, die ihn 1997 an das Institut für Bildungsforschung der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe unter Leitung von Jürgen Rekus übergab.

Die Schicksalsgeschichte der Schriften und Manuskripte des wissenschaftlichen Nachlasses ist recht bewegt und lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Dies liegt zum einen daran, dass ein Teil der Erbengemeinschaft anfangs finanzielle Hoffnungen mit dem Nachlass verband, die eine vollständige Erhaltung des Gesamtbestandes für wissenschaftliche Zwecke vermutlich einschränkten. Zum anderen ist die Zahl der noch lebenden Zeitzeugen, die eine Auskunft zu den Stationen und zum Weg der umfangreichen Aufzeichnungen und Manuskripte von Beuthen (Oberschlesien) über Leipzig nach Münster in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geben könnten, gering.

Vergegenwärtigt man sich die Wirren der letzten Kriegs- und Nachkriegsjahre, die traumatischen Ereignisse von Flucht, Vertreibung und politischer Unterdrückung, dann ist es schwer vorstellbar, wie jemand sein wissenschaftliches Werk in einem zwar begrenzten, doch in dieser Situation überraschenden Umfang retten konnte. Allein die Tatsache, dass Petzelt diese Schriften vor Zensur und Beschlagnahme durch den Nationalsozialismus schützen und sie nach dem Krieg von der Sowjetischen Besatzungszone in den Westen transportieren konnte, erscheint aus heutiger Sicht erstaunlich.

Verwandte, Freunde und Kollegen der Blindenanstalt Breslau halfen Petzelt zum Kriegsende, seine Veröffentlichungen (datiert bis 1934) sowie die handschriftlichen Manuskripte (datiert bis 1945) aus Beuthen und Breslau zu retten. In einem Brief an Eduard Spranger vom 17.8.1945 merkt er in diesem Zusammenhang an, dass er Breslau kurz vor der Umklammerung durch die Rote Armee nur noch zu Fuß verlassen konnte und Hab und Gut restlos verloren habe. Nach einigen Irrfahrten, so schreibt er weiter, habe er Unterschlupf in einem Caritas-Heim in Schreiberhau/ Riesengebirge gefunden, wo er mit Frau und Mutter in einem Stübchen hause. In demselben Brief erwähnt er aber auch, dass es ihm trotz allem gelungen sei, seine wichtigsten Manuskripte zu retten und er Nachricht erhalten habe, dass ein ihm besonders am Herzen liegendes größeres Manuskript, welches er vor den Gefahren der Luftangriffe sichern wollte, auf dem Land bei Freunden erhalten geblieben sei. Es ist anzunehmen, dass es sich dabei um das Manuskript der „Grundzüge systematischer Pädagogik“ handelt, welches ihm seine einzige und erste Doktorandin aus Breslau, Magdalena Busse (verheiratete Linnenborn) nach Kriegsende in Leipzig wieder übergeben konnte.

Petzelt hatte sich rechtzeitig und offensichtlich auch erfolgreich darum bemüht, seine Arbeiten vor anrückenden Truppen und Kriegshandlungen in Sicherheit zu bringen. Wer im einzelnen dabei mithalf, wann und wie er diesen die Schriften hatte zukommen lassen und wie er sie zurückbekommen konnte, bleibt nach wie vor nicht im Detail aufklärbar. Es ist allerdings davon auszugehen, dass nichts „Wesentliches“ verloren gegangen ist, wie Petzelt später selber einmal bemerkte.

Als wenn der Erhalt seiner Schriften in der Kriegszeit nicht schon abenteuerlich genug erscheint, so kommt durch eine Übersiedlung Petzelts von Leipzig in die Bundesrepublik durch den damaligen „eisernen Vorhang“ eine weitere Hürde in der Erhaltungsgeschichte des Nachlasses hinzu. In den beiden Koffern, die Petzelt auf seiner Flucht dabei hatte, können allerdings nicht sämtliche Schriftstücke des heute vorliegenden Nachlasses enthalten gewesen sein, da der Umfang des Bestandes einen Transport neben persönlichen Gegenständen ausschließt. Es bleibt deshalb bis heute ungeklärt, ob Petzelt die Schriften einfach dem Postversand überließ oder sie auf anderem Wege in den Westen gelangt sind. Allerdings ist in diesem Zusammenhang bekannt, dass er – gewarnt durch Ernst Bloch – das Manuskript zu „Kindheit-Jugend-Reifezeit“ nebst einigen anderen Schriften rechtzeitig in den Westen verschicken konnte.

Nach Petzelts Tod verhandelte sein Schüler Wolfgang Fischer mit den Erben über den Verbleib des gesamten Nachlasses. Mit deren Einverständnis übergab man den akademischen Teil 1967 zunächst dem Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster unter der vertraglichen Bedingung, dass jede Ausleihe und Veröffentlichung nur mit Kenntnis der Erbengemeinschaft geschehen dürfe. Der Nachlass verblieb im Wesentlichen ungeordnet im Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik. Am 26.10.1972 wurde er dann mit Zustimmung der Erbengemeinschaft unter denselben vertraglichen Bedingungen vollständig an Renate Winkelmann-Jahn übergeben.

Mit Ablauf der vertraglichen Bindungen am 9.12.1997 übergab Renate Winkelmann-Jahn den Nachlass zur weiteren Bearbeitung an Jürgen Rekus, der ihn dem Bestand des Petzelt-Archivs am Institut für Bildungsforschung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zufügte. Mit der Berufung von Jürgen Rekus an die Universität Karlsruhe wurde der Standort des Archivs ebenfalls an die Universität verlegt. Zum Bestand gehörten bereits sämtliche bekannten Publikationen von Petzelt. Eine Bibliographie dieser Schriften ist bereits mehrfach veröffentlicht worden (vgl. Neuenzeit 1956; Heitger 1967; Kauder 1986; Petzelt 1997). Eine Publikation eines Gesamtverzeichnisses der Nachlass-Schriften steht allerdings noch aus.

Für die Erstellung eines solchen Verzeichnisses lagen bereits wertvolle Vorarbeiten vor. So konnte auf die erste Übersicht von Jörg Ruhloff von 1968 sowie auf eine Bearbeitung von Renate Winkelmann-Jahn von 1971 zurückgegriffen werden. Bei der Katalogisierung wurden ebenfalls von Peter Kauder vorgenommene Bestandsaufnahmen (vgl. 1986) sowie eine von Elisabeth Badry erstellte Auflistung bzw. Systematisierung der Werke Alfred Petzelts (1979-1980) berücksichtigt. Bei einigen Teilen des Archivs wurden von Petzelt selbst handschriftliche Kommentare zum Anlass bzw. Zweck der Arbeiten angefertigt und von Elisabeth Badry offensichtlich bei einer Durchsicht des Nachlasses zum Teil wieder aufgenommen und ergänzt.

Der Gesamtbestand des Nachlasses enthält zahlreiche Schriftstücke, die aus verschiedenen Anlässen und für verschiedene Zwecke entstanden und von Petzelt aufbewahrt wurden. Sie sind zum Teil von Petzelt selbst verfasst und liegen in Manuskriptform vor. Ein Teil der Arbeiten liegt auch in veröffentlichter Form vor. Diese sind im Archiv als Sonderdrucke oder in anderer Printform, z.T. auch als Druckfahnen einsehbar.

Ferner befindet sich im Archiv eine umfangreiche Korrespondenzsammlung. Sie enthält einige wenige Briefe von Kollegen (z.B. von Eduard Spranger, Erich Weniger und Theodor Litt), von Studierenden, von Ministerien usf. Darunter befindet sich auch die Korrespondenz mit der Görres-Gesellschaft, mit dem Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik, mit Verlagen usw.

Interessierte, die genauere Informationen zum Bestand des Petzelt-Archivs und -Nachlasses suchen, finden wenden sich gerne an den Vorstand der Alfred-Petzelt-Stiftung (info@alfred-petzelt.de).

Im März 2019 ist das Petzelt-Archiv ergänzt worden um den wissenschaftlichen Nachlass seines Schülers Marian Heitger. Dessen Wittwe, Margarete Heitger, war so freundlich, Heitgers teils veröffentlichte, teils unveröffentlichte Schriften durch Schenkung an den Stiftungssitz nach Karlsruhe zu übergeben.

Badry, E.: Obwohl „… nicht nach dem Geschmack des Zeitalters“ faszinierend und notwendig – Vor 100 Jahren wurde Alfred Petzelt geboren. In: blind-sehbehindert, Heft 2, 1986, S 100- 105
Heitger, M.: Veröffentlichungen Alfred Petzelts. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, Jg. 43, 1967, S. 162-164
Kauder, P.: Bibliographie Alfred Petzelt. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, Jg. 62, 1986, S. 411-435
Neuenzeit, G.: Verzeichnis der Veröffentlichungen Petzelts. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 1956, S. 169-172
Petzelt, A.: Subjekt und Subjektivität. Hrsg. von Jürgen Rekus mit einem Vorwort von Karl Gerhard Pöppel. Weinheim und München 1997

„Petzelt-Schule“

Alfred Petzelt war nicht nur ein ausgesprochen systematischer Theoretiker der Pädagogik, er war zugleich auch ein erfolgreicher praktischer (Hochschul-)Pädagoge. In mehreren Briefen und Korrespondenzen aus dem Nachlass wird sein beeindruckender Lehrerfolg erwähnt und gepriesen. Umso schlimmer (v.a. im Empfinden seiner Studenten), dass ihm gleich zweimal die Lehrbefugnis entzogen wurde und er nicht mehr vor den Studierenden sprechen durfte. Trotz des geringen Zeitraums, der ihm am Ende seiner akademischen Tätigkeit an der Universität Münster blieb, gelang es Petzelt, einen Kreis von Schülern um sich zu sammeln, die ihrem Lehrer weit über die Zeit ihres Studiums hinaus freundschaftlich verbunden blieben.

Zwischen 1953 und 1960 promovierte Petzelt zehn Schülerinnen und Schüler (vgl. Kauder 2010); Magdalene Linnenborn sogar bereits 1939, als er noch in Breslau lehrte.

In chronologischer Reihenfolge sind dies:

1953 Wolfgang Fischer

1954 Margret Bondel

1954 Marian Heitger

1954 Gustav Vogel

1955 Karl Gerhard Pöppel

1955 Aloysius Regenbrecht

1956 Rudolf Hülshoff

1957 Alexander Senftle

1957 Ommo Grupe

1960 Renate Jahn

Wolfgang Fischer, Marian Heitger, Karl Gerhard Pöppel, Aloysius Regenbrecht, Rudolf Hülshoff und Ommo Gruppe hatten in der Folge selbst pädagogische Lehrstühle inne (O. Grupe allerdings eine Professur für Sportwissenschaft, als deren wissenschaftlicher Begründer er angesehen wird). Sie waren es auch, die Petzelts Denken weiterführten und wiederum unter ihren Studierenden verbreiteten.

Kauder, Peter: Wissenschaftliche Schulen in der Erziehungswissenschaft. Exemplarische und explorative Annäherungen an ein kaum erforschtes Thema. In: Zeitschrift für Pädagogik, Heft 4, 2010, S. 564-581.